Und nun?

„Du weißt schon, dass du der Umwelt großen Schaden zufügst, wenn du dich jetzt ins Auto setzt?“, greift mich mein pubertierende Sohn an und kaut an seinem Frühstücksbrötchen, natürlich aus ökologischem Getreideanbau und nachhaltiger Produktion bei dem teuersten Apotheker unter den Bäckern in unserem kleinen Ort, in den meine Frau und ich wegen der Kinder gezogen sind, damit sie auf dem gesunden Land aufwachsen können und zugegebenermaßen auch, weil wir uns eine größere Wohnung in der Stadt nicht mehr leisten konnten. Seitdem ist der Anteil am Haushaltsgeld empfindlich gestiegen, denn unsere drei Kids haben eigentlich ständig Hunger.
Irritiert schaue ich ihn an.
„Aha, und wie soll ich zur Arbeit kommen? Hast du da auch eine Idee?“, frage ich und versuche, meinen leichten Spott zu unterdrücken. Diese Sorge hätte ich allerdings gar nicht haben zu brauchen, denn meinem Sohn geht neuerdings jeder Sinn für ironische Zwischentöne ab.
„Fahr doch mit dem Bus. Wir haben sogar seit Kurzem einen Elektrobus, der ist emissionsfrei.“
„Da hätte ich auch selber draufkommen können, ich oller Döskopp. Ich fahr mit dem Bus, der, Moment …, der in einer Stunde geht, dann steige ich in die S-Bahn, ist ja auch elektrisch, danach in die U-Bahn und danach noch mal in den Bus. Dann bin ich in ungefähr drei Stunden im Büro. Doch, das geht.“
„Siehst du, Wenn man es mit dem Klima ernst meint, dann nimmt man eben auch ein paar Unannehmlichkeiten in Kauf“, nuschelt er und wischt sich mit den Händen den Mund ab. Schon will ich ihm die Serviette hinschieben, da zucke ich gerade noch rechtzeitig zurück. Überflüssiger Müll, für den wertvolle Bäume zuvor ihr Leben lassen mussten, wie ich inzwischen gelernt habe. Interessiert sehe ich zu, wie er die Hände an seinem Hemd abwischt und unvermeidlich einen dunklen Schmierstreifen zurücklässt. Mir schiebt sich die Frage auf die Zunge, wie er das ohne Waschmittel jemals wieder sauber bekommen will, aber ich zügle meine unangebrachte Ignoranz. Seine beiden jüngeren Schwestern haben mit immer größer und ängstlicher werdenden Augen unserem gedanklichen Austausch zugehört.
„Aber wie kommen wir denn dann heute zum Reiten, wenn Mama nicht mit dem Auto fahren darf?“
Schon kommt kurz und knapp die Antwort ihres Bruders.
„dann müsst ihr eben mit dem Rad fahren.“
„Spinnst du, das ist doch ewig weit bis dorthin.“
„25 km, um ganz genau zu sein“, werfe ich erklärend ein. „Aber wenn ihr rechtzeitig losfahrt, dann schafft ihr es hin und zurück. „Euer Licht geht doch hoffentlich noch, oder?“
„Es wäre sowieso viel besser, wenn ihr nicht mehr reitet. Wisst ihr eigentlich, wie viel CO2 so ein Pferd ausatmet? Und wenn ihr es noch anstrengt, dann noch mehr.“
Jetzt fangen die beiden an zu heulen. Hastig versuche ich zu retten, was zu retten ist.
„Ich mache euch einen Vorschlag: ihr fahrt mit Mama zum Reiten und ich spende dafür ein bisschen Geld, mit dem dann wieder Bäume gepflanzt werden. Dann haben wir CO2 gespart.“
Mein Sohn sieht mich gedankenvoll an. Wahrscheinlich hat er mir so viel Lösungsorientiertheit gar nicht zugetraut.
„Da fällt mir ein, Papa, kannst du mich heute noch ins Fussballtraining fahren? Mein Rad hat einen Platten und …“
„Hmm, ich weiß nicht, ob ich mit dem Bus rechtzeitig wieder daheim bin, eher wohl nicht.“
Großzügig schiebt er mir den Autoschlüssel über den Tisch und ich schau, dass ich wegkomme, bevor ihm etwas anderes einfällt.
Aber stolz, stolz bin ich trotzdem auf ihn.

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