Mitten im Leben

Oh wow, denke ich, als ich mitbekomme, dass es mein Lieblingsbuch als Hörbuch gibt. In meinem alten, verstaubten Hirn habe ich selbstverständlich so etwas Phantastisches wie eine CD im Sinn, als ich mich daran mache, es augenblicklich zu erwerben.

Ihr wisst schon, eine CD, jenes runde, silbrige Ding, das man früher auch in einem Auto in einen dafür eigens vorgesehenen Schlitz namens CD-Player hineinschieben konnte und man anschließend sofort ganz entspannt das Ergebnis zu hören bekam.

Aber, weit gefehlt. Wie man bei den neuen Autos nach solchen CD-Player vergeblich sucht, finde ich selbst nach längerem Suchen auf den einschlägigen Online-Shops kein solches Format, so nennt man das doch heutzutage, Format, oder? Was ich sehe, ist die Bezeichnung MP3 und bitte herunterladen.

Entschuldigt meine leichte Begriffsstutzigkeit, die sich meiner schon immer auch bei Begriffen wie Ebooks, Kindle und Ähnlichem bemächtigt. Zu meiner Entschuldigung kann ich nur sagen, dass ich es bis heute einfach schön finde, etwas in der Hand zu halten, sei es ein Buch, eine  Schallplatte oder Musik-CD oder, wie jetzt, eben auch eine Hörbuch-CD. Mein Gehirn hat mit dem Tempo dieser technischen Entwicklung irgendwie nicht Schritt gehalten, könnte man dazu sagen.

Man könnte es aber auch als grundsätzliche Unlust meinerseits bezeichnen, mit jedem Zug mitzufahren, der gerade lautstark an einem vorbeifährt. Ich bin ein Kind jener trotzigen Zeit, als man sich den starrsinnigen Luxus des eigenständigen Denkens noch gönnte und auf Datenschutz Wert legte. Als man die Einfachheit des Umgangs mit solcherlei Dingen noch schätzte. Man konnte einfach Musik hören oder Bücher lesen, ohne dafür zuvor ein Studium der elektronischen Internet-Medien absolvieren zu müssen.

Das Gefühl, abgehängt zu werden, beginnt für mich nicht im sozialen oder beruflichen Bereich, nein, es beginnt bereits beim Erwerb eines bestimmten Hörbuches, das es leider nicht als CD auf dem Markt gibt. Und da abzusehen ist, dass dies irgendwann für alle Bücher womöglich so sein könnte, sehe ich mich gezwungen, die technische Überlegenheit meines Mannes zu akzeptieren und mir geduldig und zähneknirschend anzuhören, wie ich vorzugehen habe. Wie ich befürchtet habe, fängt er bei Adam und Eva an und erklärt mir Begriffe wie Account, Online-Portale, Spotify, Audible usw.

Irgendwann lande ich jedenfalls auf einem der unzähligen Onlineshops der Buchhandlungen, suche mein gewünschtes Hörbuch und bin überglücklich, als ich es dort auch wirklich finde. Also anklicken, zur Kasse gehen, bisher ist alles noch ganz einfach, und dann muss ich mich auf einmal anmelden.

Als eingefleischter Verfechter des Datenschutzes beginne ich, mit den Zähnen zu knirschen: ich muss einen Account einrichten, was nichts anderes heißt als Email-Adresse anzugeben, ein Passwort (ein Neues zu meinen bereits tausend bestehenden Passwörtern, die sich inzwischen beim besten Willen kein Mensch mehr merken kann) zu nennen und meine Kreditkartendaten beim Bezahlen preiszugeben.

Endlich funkt mein Hirn ein dickes Aha: sobald ich nämlich bezahlt habe, bekomme ich über eine Email den entsprechenden Zugangslink zugeschickt. Und endlich kann ich über jedes Gerät, das über einen Lautsprecher, Internetzugang und Internet-Browser verfügt, mein gekauftes Buch hören, sei es auf dem Handy, Tablet, PC oder auch im Auto.

Im Auto? Auf meine Frage holt mein Mann tief Luft und bevor er anfangen kann, eine weitere Stunde meiner Zeit mit Erklärungen zu verbringen, breche ich fürs Erste ab. Die werde ich mir anhören, wenn ich es wirklich irgendwann einmal im Auto anhören will. Bis dahin kämpfe ich mit meinem Musikstick herum, den mir mein Mann mit Musik bespielt hat.

Kontrolle über das Leben? Das war gestern. Seufz!

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