Misanthrop


„Wie erkläre ich jemandem, was Anstand bedeutet, wenn es demjenigen daran fehlt? Wie das Wort Charakter und Ehrlichkeit, wenn dies für die meisten Menschen nur eine leere Worthülse ist?“, ratterte es wie so oft in seinem Hirn.

In ihm stritten Wut und Enttäuschung mit Niedergeschlagenheit und Resignation. Gefühle, die ihn seit langer Zeit beherrschten und ihn unausweichlich auch in die finstere Einsamkeit seines Lebens geführt hatten. Sie standen ihm wie ein Kainsmal ins Gesicht geschrieben und schlugen jedes andere menschliche Wesen in die Flucht, ohne dass er dies jemals begriffen hätte.

Sein Blick fiel auf auf ein zerknittertes Papier, das heute früh auf einmal auf seinem Wohnzimmertisch gelegen war.

„Lügen, nichts als Lügen“, knirschte er zwischen den Zähnen hervor. Dann zerknüllte er den Zettel in seiner Faust. Die Fingerknöchel traten weiß hervor, als zermalme er an dessen Stelle den Urheber dieser Zeilen, aber ein Gefühl der Genugtuung blieb aus, wie das bei rein symbolischer Handlung leider so häufig der Fall ist.

Nur langsam lichtete sich irgendwann der Nebel in seinem Hirn. Einmal noch atmete er tief durch, dann entspannten sich seine verkrampften Finger und das Papierknäuel schimmerte hindurch. Entschlossen strich er es wieder glatt und erkannte verblüfft den Brief, den er gestern Abend an seine getrennt von ihm lebende Frau aufgesetzt hatte.

Bitnami