Freunde


Es läutet an der Haustür.

Es gibt Momente, da freut man sich von Herzen über jeden Besuch. Und damit meine ich JEDEN Besuch. Aber man hat auch Augenblicke, da fühlt man sich gestört, nein, da WIRD man durch unerwarteten Besuch gestört. Und diese Momente sind zahlreicher als die anderen. Dies war so einer.

Ich überlege kurz, ob ich die Tür öffnen soll oder nicht. Wie immer verliere ich auch jetzt den inneren Kampf zwischen eigenem Bedürfnis und meiner angeborenen Gutmütigkeit.

Vor der Tür steht eine Freundin oder doch nur Bekannte? Diese Einordnung meinerseits schwankt je nach Stimmungslage und meiner ganz grundsätzlichen Verfassung. Noch bevor ich zu einer Antwort auf meine stumme Frage gelange, fällt mir die Person, wie ich sie daher vorsichtig neutral bezeichnen will, um den Hals.

Ich mag es nicht besonders, wenn man mich anfasst. Es ist eine aufgezwungene körperliche Nähe, die mein Selbstbestimmungsrecht aufs Ärgste verletzt. Im besten Fall werde ich einfach nur steif wie ein Brett, häufiger aber flüchte ich mich in aggressives Desinteresse, was sich überdeutlich in meinem Gesicht widerspiegelt. Jene Menschen, die noch eine Spur von Sensibilität in sich tragen, weichen sofort zurück und achten auf einen gesunden Mindestabstand. Nur leider sind das die Wenigsten. Das ist einer der Gründe, warum ich die Anzahl meiner Freunde auf ein fast nicht mehr existierendes Mass reduziert habe, denn Freunde suhlen sich förmlich in Küsschen und Umarmungen.

Das Allerschlimmste aber ist die Frage, die beinahe immer als erste kommt:

„Störe ich dich?“

Ich bitte euch, was kann man darauf als zivilisierter Mensch antworten?Mit einem Ja? Glaubt mir, diese Antwort ist so überflüssig wie ein Kropf. Erst kommt nur ein irritierter Blick, dann ein unangenehm berührtes Oh? Und zuletzt, ich bleibe nicht lange.

Da ich ein wohlerzogener Mensch bin, bitte ich die Person natürlich in die gute Stube. Und schon ist man mitten drin im Gespräch, nein im Monolog. Das trifft es besser.

Doch diesmal unterbreche ich sie, als sie beteuert, wie froh sie darüber sei, mich als Freundin zu haben. Meine knappe Frage schlägt ein wie ein Blitz.

„Warum willst du mich als Freundin?“

Ein leider nur sehr kurzes, verblüfftes Schweigen.

„Wie? Aber … Weil ich mit dir über alles reden kann.“

„Das kannst du auch mit deinem Hund.“

„Was? Der kann mir aber nicht antworten.“

„Leg dir einen Papagei zu und bring ihm bei, was er dir antworten soll.“

„Was willst du damit denn sagen?“

„Ich möchte einfach nur wissen, warum du meine Freundin sein willst.“

„Weil, weil du immer Zeit für mich hast, wenn ich dich brauche.“

„Die hat dein Bett auch. Es steht immer parat, wann immer du dich hineinlegen und heulen willst.“

„Weil wir miteinander lachen können?“

„Das kannst du auch beim fernsehen.“

„Weil du oft so kluge Dinge sagst, die mir weiterhelfen?“

„Dafür gibt’s psychologische Ratgeber. Da haben schlaue Menschen Bücher dazu geschrieben.“

Jetzt dauert es an das Schweigen. Völlig verunsichert schaut sie mich an und weicht meinem starren Blick irgendwann aus.

„Na, dann geh ich wohl besser wieder. Bis bald.“

Ich bringe sie zur Tür. Im Wohnzimmer schaue ich zum Fenster in den Garten hinaus und sehe meiner Katze zu, wie sie überlegt, ob sie heimkommen soll oder nicht. Sie hätte die Antwort gewusst, da bin ich mir sicher. So lächerlich einfach wäre sie gewesen.

„Weil ich dich mag.“

 

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