Lebensweisheiten

„Du und deine Sprüche!“
„Wieso? Was heißt denn da Sprüche? Was ist daran denn verkehrt an diesen verborgenen Weisheiten?“
Der Mann, an den diese lapidare Antwort gerichtet war, verdrehte genervt die Augen. Eine Weile blieb er stumm, so als überlege er sich angestrengt eine passende Erwiderung, ja mehr noch, als müsse er mit einer einzigen, kurzen Gegenrede alle zu erwartenden Einwände auf einen Schlag wegwischen. Endlich bewegten sich seine Lippen, dann kam es krächzend:
„Es wäre heute nicht so, wie es ist, wäre es damals nicht gewesen, wie es war. Und dieser dämliche Spruch soll mir jetzt helfen, oder was? Bescheuerter geht’s wohl nicht mehr. Deine Weisheit, die sich darin angeblich verbirgt, hat sich so gut versteckt, dass sie kein Mensch mehr finden kann. Und das ist genauso, als gäbe es sie gar nicht, falls es sie überhaupt jemals gegeben hat.“
Sein Gegenüber schien sichtlich nicht zu verstehen, was der andere meinte, denn über sein Gesicht glitt ein leises Erstaunen angesichts dieser schroffen Antwort. Er drehte ein wenig hilflos den Ring hin und her, den er an seinem Finger stecken hatte. Dann begann er vorsichtig zu sprechen.
„Also ich finde die Botschaft sehr tröstlich. Es macht doch Mut, dass alles seinen glücksbringenden Sinn hat, oder?“
„So, so. Mut. Ja, wenn das so ist, dann …“
Der Mann drehte sich um und fingerte nach der nächsten Pfandflasche im Abfalleimer am Wegesrand. Der andere verharrte noch einen kurzen Moment an Ort und Stelle. Dann ging er zu seinem Auto und fuhr davon.

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