7.12.2017

 

Einfach nur tragisch

„Ach wie gut, dass niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß’…“

Diese Worte leise vor sich hinmurmelnd, bückte er sich, hob den reglosen Körper, der auf dem Sofa vor ihm lag, mit beiden Armen ganz vorsichtig hoch, damit auch ja keine Druckstellen auf ihrer Haut zurückblieben und ging damit zur offenen Balkontür. Die herabhängenden Arme der unnatürlich fest schlafenden Frau schwangen bei jedem seiner Schritte unwillkürlich hin und her.

Draußen war es bereits stockfinstere Nacht und er näherte sich verstohlen der Balkonbrüstung, die ihm bis zur Brust gereichte. Noch einmal ließ er, gut verborgen hinter einer mannshohen Kübelpflanze, seine Blicke prüfend über die menschenleere Straße, an die das Hochhaus direkt angrenzte, umherschweifen. Kein Mensch war hier mehr zu dieser späten Stunde zu sehen und er setzte die Frau behutsam auf dem Steingeländer ab, während er seinen Arm um ihren Oberkörper geschlungen hielt. Sanft hob und senkte sich ihre Brust im Rhythmus ihrer regelmäßigen Atemzüge.

Seine Hände, die in eleganten Lederhandschuhen steckten, streichelten zärtlich ihre knochigen Schultern, während er gleichzeitig seinen Mund auf ihr Haar presste. In einem tiefen Atemzug atmete er dabei genießerisch das leicht nach Orange duftende Aroma ihres Shampoos ein.

Dann ließ er sie lächelnd los.

Er hörte ihren dumpfen Aufprall auf den Asphalt bereits nicht mehr, da er in Windeseile die Wohnung längst verlassen hatte und mit dem Fahrstuhl aus dem achten Stockwerk dieses stillen Hauses ins Erdgeschoss hinunterfuhr.

Draußen schlenderte er langsam in entgegengesetzter Richtung davon und war schon lange, bevor die Leiche dann vom Zeitungsboten in den sehr frühen Morgenstunden entdeckt wurde,wieder zu Hause.

 

Die Zeitungsmeldung nahm er wenige Tage später ungerührt zur Kenntnis, während er beim Frühstück saß und kauend die wenigen Zeilen überflog.

„…stürzte sich schon wieder eine junge Frau aus dem achten Stockwerk in den Freitod. Die Polizei geht auch dieses Mal  von einem tragischen Selbstmord aus, bereits dem dritten in den letzten zwei Wochen.“ 

Die Zeilen verschwammen ihm vor Augen, als er sich plötzlich an einem Bissen so sehr verschluckte, dass ihm die Tränen in die Augen schossen.

Verzweifelt sprang er hoch und rang mit einem langziehendem Geräusch vergeblich um Luft. Sein Gesicht wurde rot und röter, dann irgendwann blau, als er taumelnd endlich zu Boden fiel und sich nicht mehr rührte.

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