6.12.2017

 

Nikolaus-Abend

 

Richard Mitsch versuchte, sich mit dem Schaft seines Stabes am Rücken zu kratzen, was ihm jedoch wegen seiner dicken Nikolauskluft nicht so recht gelingen wollte. Mittlerweile juckte es ihn schon überall und er war sich nicht sicher, ob das nur an seiner ungemütlichen Verkleidung lag oder eher an den, nun…  Erfahrungen der letzten Stunde, die er hatte machen müssen. Drei Haushalte hatte er nämlich jetzt schon hinter sich und mit seinen eigenen Erinnerungen, die er selbst noch sehr deutlich an den stets stimmungsvollen und vor allem auch Ehrfurcht einflößenden Nikolaus-Besuch in seiner Kindheit hatte, hatten diese  Begegnungen nun rein gar nichts mehr zu tun gehabt. Die Kinder waren im Gegenteil aufgekratzt, quengelig und fürchterlich laut gewesen. Keine Spur von freudiger oder gar respektvoller Zurückhaltung hatte er in den ungeduldigen Gesichtern erkennen können.

Stattdessen hatte er sogar von Glück reden müssen, dass sie ihm seinen Sack nicht mit Gewalt vom Rücken heruntergezerrt hatten. Geholfen hatte wohl nur sein fast schon drohend erhobener Hirtenstab.

Aber tapfer hatte er dennoch unerbittlich darauf bestanden, dass gemeinsam wenigstens noch ein Lied gesungen wurde, bevor er, unter seinem dicken Mantel vor sich hindampfend wie in einer finnischen Sauna, ihnen ihre Geschenke überreicht und sich danach schleunigst wieder aus dem Staub gemacht hatte.

Der Sack, den er sich über die Schulter geworfen hatte, schien mit jedem Meter, den er zurücklegte, schwerer und schwerer zu werden statt leichter und zu allem Überfluss war es heute Abend auch noch so dermaßen mild geworden, dass ihn seine „Clownstracht“, wie er sein Nikolauskostüm grimmig nannte, bereits im eigenen Saft schmoren ließ. Und auch in seinen Pelzstiefeln schien er förmlich zu schwimmen. Den Hirtenstab trug er nach wie vor wie eine Art Schlagstock vor sich her und sein weißer Rauschebart kitzelte ihn permanent in der Nase, was ihn andauernd zum Niesen brachte.

Er bog rechts in eine Seitenstraße ab und war nicht mehr weit entfernt von jener Adresse, die als Nächste auf seiner Liste stand, als er plötzlich in einiger Entfernung ein weinendes Kind sah, das ihm heftig zuwinkte.

Richard blieb verdutzt stehen.

Dann fing er an, seinen Schritt unwillkürlich zu beschleunigen. Das Kind wirkte zutiefst verzweifelt und hilfsbedürftig auf ihn. Aber je näher er ihm zu kommen schien, desto mehr wich es zurück, ohne dabei jedoch mit dem Winken aufzuhören.

„Hallo? Bleib doch stehen. Was ist denn los?“

Das Kind begann davonzulaufen, blieb dann wieder stehen und winkte Richard weiterhin zu sich heran.

Richard beschleunigte seinen Schritt, aber je schneller er wurde, desto schneller wurde auch der kleine Junge. Blieb er stehen, blieb auch der Bub stehen.

„Ja, sag mal. Willst du mich, äh… den Nikolaus verarschen oder was? Das macht man aber nicht, weil… weil… weil ich der Nikolaus bin, hörst du?“

Der Junge schüttelte nur noch heftiger den Kopf und winkte weiter. Richard setzte sich erneut in Bewegung und trabte dem Kind hinterher. Vor einem großen Wohnhaus mit mehreren Wohnungseinheiten darin, drückte der Bub sofort die schwere Eingangstür auf und lief hinein.

Richard stand nur noch wenige Schritte entfernt und überlegte, ob er in das Haus nun hineingehen sollte oder nicht, als sich das tränenverschmierte Gesicht des Knaben wieder im Türspalt zeigte, er dabei mit den kleinen Händen erneut wild und unmissverständlich gestikulierte und sich dann blitzschnell  zurückzog.

Zögernd betrat Richard das Haus und begann die Treppen bis ganz nach oben hinaufzusteigen. Eine der Wohnungstüren stand einen Spalt weit offen und kein Mensch war zu sehen oder auch nur zu hören.

Mit einem Mal wurde es Richard seltsam unbehaglich zumute und ganz automatisch umklammerte er den Griff seines Hirtenstabes fester. Den Sack ließ er lautlos zu Boden sinken und schlich vorsichtig den Flur entlang. Von dem Kind war weit und breit noch immer nichts zu sehen, da hatte er das Wohnzimmer erreicht.

Direkt vor sich, sah er durch die weit offene Tür den Rücken eines großen Mannes, der ein blutiges Messer in seiner Hand hielt. Auf dem Boden vor ihm lagen drei Menschen, eine Frau, ein Mädchen und… ein Knabe.

Richard holte mit seinem Hirtenstab aus, so weit er konnte und drosch dem Mann damit von hinten so fest auf den Kopf, dass dieser augenblicklich wie ein gefällter Baum zu Boden stürzte und reglos liegenblieb. Hastig löste er die goldene Kordel von seinem Gewand und fesselte den Kerl damit.

Dann eilte er zu den drei Gestalten, die bewegungslos und blutüberströmt auf dem Boden lagen. Bei der Frau und dem kleinen Mädchen konnte er zu seiner großen Erleichterung noch einen flachen Puls ertasten, der Bub hingegen war… tot. Richard erstarrte, als er ihm ins Gesicht sah.

Es war eindeutig der Junge, der ihm auf der Straße begegnet war und welcher so flehentlich seine Hilfe gesucht hatte.

Als Kommissar Paul Anderlech mit seinem Team eintraf, waren die beiden Schwerverletzten längst auf dem Weg ins Krankenhaus.

Die Gerichtsmedizinerin Sonja Bergisch beugte sich über den leblosen Buben und konnte dann sehr schnell einem völlig fassungslosen und bestürzten Richard versichern, dass der Junge seit mindestens einer Stunde schon tot war und die Hilfe für die Frau und das Mädchen wohl gerade noch rechtzeitig eingetroffen wäre, dank ihm.

 

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