3.12.2017

 

Erinnerung

Wirre Bilder, gellende Schreie und unerträgliche Hitze folterten ihn. Hilflos musste er zusehen, wie seine Eltern verzweifelt versuchten, durch eine hoch auflodernde Feuerwand zu ihm zu gelangen.

Eingeklemmt zwischen herabgestürzten, schweren Holzbalken kniff er seine Augen zusammen, um sie vor dem beißenden Rauch zu schützen. Er öffnete die rußverschmierten Lippen, wollte nach ihnen rufen, aber nurmehr ein heiseres Stöhnen entwich seinem Mund. Er hörte noch zwei, drei entsetzliche Schmerzensschreie, dann umfing ihn gnädige Dunkelheit.

Als er wieder zu sich kam, lag er in einem makellos weißen Bett, seine Arme waren von den Händen bis zu den Schultern hinauf verbunden.

Laut weinend rief er nach seiner Mutter, schrie und schrie, bis der Arzt herbeieilte, ihn nachdrücklich ins Bett zurückdrückte, als er versuchte, hinauszuklettern. Mit sanfter Stimme begann er auf ihn einzureden, um ihm zuletzt doch notgedrungen eine Spritze zu geben, als er sich einfach nicht beruhigen lassen wollte. Als er das nächste Mal wieder erwachte, saß seine Großmutter neben seinem Bett, ihr faltiges Gesicht hielt sie gesenkt. Kaum hörte sie, wie er sich regte, sah sie auf und ihre gütigen Augen hefteten sich liebevoll auf seine kleine Gestalt, die sich unter der großen, schweren Bettdecke kaum erkennbar abzeichnete.

Ihre grauen Haare waren von einem streng gefalteten, dunklen Kopftuch vollends bedeckt. Er könnte nicht einmal sagen, welche Haarfarbe sie eigentlich früher einmal gehabt hatte, denn er hatte sie in seinem ganzen Leben noch nie ohne dieses schwarze Kopftuch zu sehen bekommen. Und gerade dieser so vertraute Anblick gab ihm jetzt letzten Halt, an den er sich mit aller Kraft klammerte. Tränen traten ihm in die Augen, als er sie so dasitzen sah. Er brauchte nicht einmal mehr zu fragen, er wusste auch so, was das bedeutete.

Langsam nickte sie und schaute ihn nur lange an. Er musste sich anstrengen, um ihre stille Frage zu verstehen. Ihre Lippen bewegten sich kaum, als sie dieses Warum hervorhauchte. Einmal, zweimal glaubte er dieses beinahe lautlose, klagend verständnislose Warum zu vernehmen. Verzweifelt öffnete er seinen trockenen Mund, die Zunge klebte ihm am Gaumen fest, mühte sich und rang nach Worten und brachte doch keinen einzigen Ton hervor.

Seine Großmutter stand auf und die Tränen liefen ihm übers Gesicht, als er seine Arme flehend nach ihr ausstreckte, um mit ihr zu gehen. Sie jedoch hielt ihm ihre Hände abwehrend entgegen, presste sie dann eng an ihr Kopftuch, welches die Blässe ihres Gesichtes geradezu gespenstisch unterstrich und die dunklen Augen umso ausdrucksvoller und eindringlicher daraus hervorleuchten ließ.

Langsam ging sie zur Tür und ihr trauriges Kopfschütteln bohrte sich in sein Herz.

Schweißgebadet fuhr er hoch.

Das schwere Bettlaken hatte er während seines Albtraumes von sich gestrampelt, sein verschlissener Schlafanzug klebte an seinem Körper und sein Herz raste.

Lange hatte er diesen fürchterlichen Traum nicht mehr gehabt, diese Erinnerung an jenen schrecklichen Brand, der ihm vor vielen Jahren seine Eltern auf so grauenhafte Weise für immer genommen hatte. Seine Großmutter hatte ihm, dem kleinen, traumatisierten Jungen, damals ein liebevolles, neues Zuhause gegeben und ihm trotz seines unaussprechlichen Verlustes eine schöne Kindheit geschenkt, aber jetzt, in diesem Traum, hatte sie ihn plötzlich nicht mehr zu sich mitnehmen wollen.

Und mit einem Mal verstand er auch warum, dieses jähe Begreifen durchzuckte ihn mit schmerzender Klarheit.

Sein Blick flog zum Wecker auf seinem Nachttisch, glitt weiter und blieb am Handy hängen. Entschlossen griff er mit schweißnassen Händen danach.

Am Abend desselben Tages erfolgte der Polizeizugriff, als sich eine Gruppe von Männern bei Einbruch der Dunkelheit zusammenrottete, um ihre brennenden Molotowcocktails in eine Asylanten-Unterkunft zu werfen.

Einer davon durchschlug eine Fensterscheibe, entzündete die Gardinen und landete dann im Zimmer, ehe der Mob von den Sicherheitskräften endlich überwältigt wurde.

Aus sicherer Entfernung schaute er zu, wie seine wütend grölenden und wild um sich schlagenden Gesinnungsfreunde abgeführt wurden, während die Feuerwehr bereits anrückte und den entstandenen Brand augenblicklich löschte.

Plötzlich schaute ihn eine Frau, das Haar von einem schwarzen Kopftuch verhüllt, durch eben jenes Fenster unverwandt an und ihr erschrockenes Antlitz verschmolz mit dem vertrauten Bild seiner Großmutter, die ihm liebevoll zunickte.

Dicht neben ihr stand ein kleiner, schluchzender Knabe mit rußverschmierten Gesicht und geschlossenen Augen.

 

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