24.12.2017

 

 

Vierundzwanzigster Dezember 1977

 

Bescherung

 

„Paul? Magst du mir mal schnell die Kerzen holen? Du weißt schon, die großen Roten, die wir gestern zusammen eingekauft haben.“

Der kleine Junge schien seine Mutter nicht zu hören, so vertieft war er in seine Arbeit. Er hatte sich vorgenommen, für seinen Vater eine Startabschussrampe samt Rakete aus Legosteinen zu bauen. Die wollte er ihm dann nämlich zu Weihnachten schenken.

Seit er irgendwann durchschaut hatte, dass nicht das Christkind die Geschenke brachte, sondern man sich schon selber darum kümmern musste, wenn man dann auch etwas unter dem Christbaum vorfinden wollte, sah er sich daher zu dieser Schwerstarbeit genötigt. Er bewunderte seinen Vater, der als Flugzeugingenieur viel und oft im Ausland unterwegs war und daher eher selten zu Hause weilte. Aber wenn er da war, hatte er immer ganz viel Zeit für ihn. Er behandelte ihn dann wie einen richtigen Mann und nicht, wie seine Mutter es tat, wie ein kleines Kind.

Sein Vater stellte ihm oft und gerne knifflige Aufgaben und erwartete wie selbstverständlich, dass Paul sie auch löste. Und Paul enttäuschte ihn nie. Und wenn er noch so lange an einem Rätsel kaute, er gab nicht auf, bis er die Lösung hatte. Und sein Vater belohnte ihn dann mit diesem strahlenden Lächeln, das ihm zeigte, dass er, Paul, ein wirklich ganz besonderer Junge war. Für dieses warme, anerkennende Lächeln hätte er sich noch ganz anders angestrengt.

Dieses Geschenk hier jedoch, das er sich da vorgenommen hatte, war schon eine wirkliche, große Herausforderung für ihn. Die Rampe musste ja schließlich absolut echt aussehen, wie die Rakete auch, nur eben kleiner.

Er hörte daher die Bitte seiner Mutter wirklich nicht. Auch ihr resigniertes Seufzen, als sie sich erhob, um selbst nach den Adventskerzen zu suchen, bemerkte er nicht, so vertieft war er in seine Herkulesaufgabe.

Frederike Anderlech holte also aus einer Tischschublade im Esszimmer die vier Stumpenkerzen und ging wieder zu dem kleinen Couchtisch im Wohnzimmer zurück, auf dem das Adventsgesteck darauf wartete, fertig dekoriert zu werden.   Als sie dabei an ihrem, tief in seine Arbeit versunkenen Sohn vorbeikam, huschte ein schmerzlich-trauriges Zucken über ihre Mundwinkel.

Für den zehn Jahre alten Paul schien es in seiner Welt nur den Vater zu geben. Er fieberte dessen Rückkehr schon seit Tagen entgegen und war durch fast nichts mehr abzulenken.

Ihr Mann Thorsten wurde von seinem Sohn vergöttert und je weniger der Bub ihn zu Gesicht bekam, desto mehr. So schien es ihr zumindest und ihr wollte es einfach nicht gelingen, Teil dieser Welt zu werden. Mit den Jahren war das sogar immer schlimmer geworden und inzwischen hatte sie den Kampf um Pauls Liebe fast schon aufgegeben.

Resigniert betrachtete sie ihr Kind, das mit hochrotem Kopf auf dem Boden hockte, sich verbissen mit den Bausteinen abmühte und alles andere dabei um sich herum vergessen zu haben schien. Vom Tag seiner Geburt an hatte sie, zunehmend verzweifelt, versucht, zu der Gefühlswelt ihres Sohnes Zugang zu bekommen, aber je mehr sie darum kämpfte und rang, desto mehr entfernte sie sich von ihm.

Sie verstand dieses Kind einfach nicht. Manchmal hatte sie schon den bitteren Eindruck gewonnen, als empfände er nichts für seine Mutter, als lebte er für sich allein in seiner eigenen Gedankenwelt, in die überhaupt nur Thorsten Einblicke und Zugang hatte. Vielleicht ja auch deshalb, weil der genauso war wie Paul.

Für ihren Mann hatte es immer nur seine Arbeit gegeben und daneben, oder was dann am Ende noch davon übrigblieb, existierte nur noch sein Sohn für ihn. Sie hatte in dem Leben dieser beiden schon lange keinen Platz mehr, wenn sie denn einen solchen überhaupt jemals besessen hatte.

Frederike sah auf das Gesteck hinab und schob es beinahe gewaltsam von sich weg. Eigentlich hatte sie schon längst keine Lust mehr auf diesen ganzen Kram. Es interessierte ja sowieso niemanden in ihrer Familie. Sie könnte genauso gut unsichtbar sein. Es würde mit Sicherheit weder dem kleinen Paul noch Thorsten auffallen.

Sinnend sah sie auf ihre Armbanduhr. Schon in einer halben Stunde würde Thorsten nach wochenlanger Abwesenheit aus Italien zurückkommen und würde gewiss nur wieder mit leicht vorwurfsvoll hochgezogenen Augenbrauen und süffisanter Miene quittieren, dass sie nichts zum Essen für ihn vorbereitet hatte. Er sagte zwar nie etwas, aber sein Gesichtsausdruck  sprach Bände. Und auf einmal wollte sie dieses ironische Lächeln nicht mehr sehen müssen.

Spontan schnappte sie sich einen Papierblock und begann zu schreiben. Dann riss sie die Seite heraus und legte den Zettel auf den Tisch, drehte sich um, packte Paul an der Hand und zog den laut protestierenden Buben hoch.

„Jetzt ist aber Ruhe, Paul. Wir fahren weg.“

„Ich will aber nicht weg. Ich bin doch noch gar nicht fertig und Papa kommt auch gleich heim. Ich…“

„Schluss jetzt! Wir fahren eine Woche zur Oma. Dort ist es wenigstens ein bisschen adventlich.“

Sie zog den um sich schlagenden Jungen mit sich mit, schob ihn ins Schlafzimmer hinein und lehnte sich schnaufend gegen die Tür, damit er nicht sofort wieder hinauslaufen konnte. Dann drehte sie den Schlüssel im Schloss herum und wandte sich dem gemeinsamen Kleiderschrank zu.

Wahllos zog sie Wäsche für sich und den Knaben aus dem Schrank, warf alles achtlos in eine Reisetasche und zog den Reißverschluss zu. Danach hängte sie sich die Tasche um die Schulter und zerrte den heulenden Paul hinter sich her.

Draußen am Straßenrand stand ihr kleines Auto. Sie klappte den Beifahrersitz nach vorne, warf die Tasche nach hinten,  schob Paul unnachgiebig auf die Rückbank und setzte sich hinters Steuer. Schon begann der Wagen zu rollen.

Paul, der wild kreischend versucht hatte, die Autotür wieder zu öffnen, was ihm jedoch von hinten natürlich nicht gelingen wollte, begann noch lauter zu schreien und zu toben.

„Du bist gemein. Ich will zu Papa. Lass mich sofort hier raus. Ich sag es Papa, was du gemacht hast. Ich hasse dich. Du bist blöd. Ich will zu meinem Paaaapa.“

Paul warf es den Kopf richtig nach vorne, als seine Mutter ruckartig auf die Bremse trat, kaum dass sie losgefahren war. Langsam drehte sie sich mit versteinerter Miene zu ihrem Sohn um, als der Wagen wieder stillstand.

„So ist das also? Na dann.“

Sie stieg aus und machte die Wagentür auf.

„Raus mit dir. Lauf zurück und warte auf deinen Vater. Er kommt ja dann gleich. Noch viel Spaß wünsche ich euch beiden.“

Paul stand mit geröteten Augen am Straßenrand und starrte nur verwundert seiner davonfahrenden Mutter hinterher. Er verstand überhaupt nicht, was so plötzlich in sie gefahren war. Sie war auf einmal ganz anders als sonst.

Trotzig wischte er sich über die Augen, lief zu ihrem Haus zurück, kauerte sich dort auf die Eingangstreppe und wartete. Nach einer schieren Ewigkeit fuhr ein Taxi vor und sein Vater stieg aus.

Paul rannte auf ihn zu und umklammerte ihn freudig.

„Paul? Was machst du denn hier draußen? Du bist ja eiskalt, sag mal. Wo ist denn Mama?“

„Weg. Papa, ich habe Hunger. Und du darfst auf keinen Fall ins Wohnzimmer gehen, weil… Ich muss da erst noch was fertigmachen.“

„Was heißt weg?“

„Sie ist zu Oma gefahren und ich wollte nicht mit, weil… ich habe auf dich gewartet und…“

Thorsten Anderlech sperrte die Haustür auf und schob seinen Sohn vor sich her. Paul raste ins Wohnzimmer hinein und warf schnell die Sofadecke über sein Geschenk.

„Du darfst da jetzt nicht reinschauen, Papa.“

Aber Thorsten hörte ihm gar nicht zu.

Er stand am Tisch, hob den Zettel hoch und sein Gesicht verfinsterte sich, als er die hastig hingeworfenen Zeilen seiner Frau las.

„Du kommst sicher gut alleine zurecht, Thorsten. Ich fahre zu meinen Eltern, sonst erfriere ich hier noch. Paul nehme ich mit. Vielleicht lernt er es dort ja doch noch, wie sich Menschen normalerweise verhalten, wenn sie sich wirklich lieb haben. Weihnachten brauchst du ja nicht, genauso wenig wie mich. Frederike.“

„Mama schreibt, dass du bei ihr bist, Paul. Wieso…?“

„Ich habe ihr gesagt, dass ich nicht mit ihr mitfahren will, dass ich hier auf dich warten will. Und da ist sie ganz furchtbar böse geworden und hat mich aus dem Auto rausgeworfen. Ist Mama denn sauer auf mich, weil ich viel lieber bei dir bleiben wollte, Papa?“

Arglos schaute sein Sohn ihn an. Und Thorsten Anderlech wusste tatsächlich nicht, was er ihm darauf jetzt antworten sollte.

Er starrte auf das halbfertige Adventsgesteck vor sich und schaute dann zu seinem Sohn hinüber, der schon wieder nur mit seiner Decke beschäftigt war und seine Mutter nicht einen Moment zu vermissen schien.

Und so ganz allmählich begann es in ihm doch zu arbeiten.

Er kniete sich vor Paul auf den Boden, nahm sein schmales Gesicht in beide Hände und begann auf ihn einzureden.

 

Heiligabend klingelte es bei Frederikes Eltern an der Haustür. Pauls Mutter öffnete und wich im ersten Moment ein Stück in den Flur zurück.

Vor ihr standen, völlig überraschend, ihr Mann und ihr Kind, beide mit erwartungsvoll glänzenden Gesichtern, die durch den eisigen Ostwind gerötet waren und beide trugen sie eine liebevoll selbstgebastelte, kleine leuchtende Papierlaterne in ihren Händen.

Paul warf sich so ungestüm in die Arme seiner Mutter, dass seine Laterne dabei achtlos zu Boden fiel und das kleine Kerzenlicht darin sofort erlosch.

„Mama. Kommst du jetzt wieder zu uns heim? Heute Abend kommt doch das Christkind und wenn du dann nicht da bist, dann ist es ganz bestimmt traurig.“

Als ihn die Finger seines Vaters verstohlen in die Schulter zwickten, vervollständigte er hastig seinen Satz.

„Und Papa und ich auch.“

„Frederike? Bitte, komm heim. Wir… wir haben auch eine Überraschung für dich. Es… es tut mir leid.“

Frederike starrte noch immer ungläubig erst ihren Mann und dann ihren Buben an.

„Ich dachte, du bist über Weihnachten in Spanien? Du brauchst wohl Betreuung für Paul, oder? Vielleicht solltest du ihn mitnehmen. Er hat ja Schulferien und wäre bestimmt hellauf begeistert.“

Thorsten zuckte leicht zusammen, als er den vorwurfsvollen und vor allem sehr verletzten Tonfall vernahm.

„Ich habe abgesagt. Ich habe einiges… nun, sagen wir mal, verändert, Frederike. Ich fliege nicht nach Spanien. Mein Kollege kann das ganz genauso. Der hat weder Frau noch Kind. Er war sogar richtig glücklich, dass er jetzt ganz allein für unseren neuen Auftrag zuständig sein darf. Ich bin also die ganzen nächsten Wochen zu Hause. Willst du denn gar nicht wissen, was für eine Überraschung wir für dich haben?“

Verdutzt hatte Frederike ihrem Mann zugehört und konnte es kaum glauben, was der da, so ganz nebenbei, als sei es für ihn das Normalste auf der Welt, von sich gegeben hatte.

Ihre Mutter, die unbemerkt langsam näher gekommen war, gab ihr einen sanften Stoß.

„Du solltest es dir ja vielleicht besser einmal anschauen, mein Kind, meinst du nicht?“

Thomas wandte sich seiner Schwiegermutter zu.

„Michaela? Schön dich zu sehen. Ist Karl auch da? Ich würde euch nämlich auch gerne zum Heiligabend einladen. Also nur, wenn es euch und Frederike auch recht ist, natürlich.“

Frederike kam aus dem Staunen nicht mehr heraus.

Seit Jahren hatte sie ihren Mann vergeblich darum gebeten, dass ihre Eltern einmal zusammen mit ihnen Weihnachten feiern sollten. Er hatte sich jedes Mal entschieden dagegen verwahrt und argumentiert, dass er seine rare, kostbare Zeit nicht mit den Schwiegereltern verplempern wollte. Und nun, auf einmal?

Frederikes Mutter lächelte verschmitzt.

„Aber sehr gern, Thorsten, wir beeilen uns auch, nicht wahr, Frederike?“

Schon zwei Stunden später standen sie zu fünft vor einem festlich beleuchteten Haus. Hell strahlende Lichterketten und goldene Girlanden zierten den kleinen Vorgarten, sowie das gusseiserne Treppengeländer und die Haustüre.

Drinnen zündete Thorsten sofort alle vier Adventskerzen an und Frederike registrierte verblüfft, dass ihr Mann auch ihren halbfertigen Kranz sorgfältig zu Ende gebunden und wirklich schön arrangiert hatte. Im Wohnzimmer stand ein prachtvoll geschmückter, sehr großer Christbaum, unter dem hübsch eingewickelte Päckchen lagen und aus der Küche drangen erste, verheißungsvolle Düfte.

Auch der Esstisch war unglaublich stimmungsvoll und sehr, sehr weihnachtlich gedeckt, lange Tafelkerzen warteten nur darauf, entzündet zu werden.

Kopfschüttelnd betrachtete Frederike dieses so ungewohnt liebevolle Arrangement. War das denn wirklich ihr Thorsten gewesen, der sich hier so viel Mühe gegeben hatte, für diesen ‚Firlefanz‘, wie er ihre Dekorationen sonst immer nur zu bezeichnen pflegte?

Paul lief flugs zum Weihnachtsbaum und angelte eines der Päckchen hervor.

„Das da ist für dich, Mama. Du musst es aber jetzt sofort aufmachen. Das ist nämlich ganz allein von mir.“

Frederike sah in die erwartungsvoll schimmernden Augen ihres Jungen und das Herz wurde ihr eng bei diesem Blick. So lange hatte sie darauf gewartet, dass er sie einmal so ansehen würde. Langsam wickelte sie das Päckchen aus und eine winzige Träne rollte ihr über das Gesicht, als sie auf ihr Geschenk schaute.  Sie hielt einen selbstgebastelten Bilderrahmen aus lauter bunten Legosteinen in ihren Händen, aus dem ihr ein strahlendes Kindergesicht entgegenlachte.

In Pauls schönster Handschrift, nichts hasste ihr Kind mehr als Schreiben und Malen, stand da, in ein kleines, selbstgemaltes Herz etwas geschrieben…

Für meine Mama, die ich ganz lieb habe.

Dein Paul

 

Auf dem Weg zur Christmette gingen Frederike und Thorsten Anderlech schweigend nebeneinanderher, ohne sich dabei zu berühren. Tief in Gedanken schaute sie zum sternenklaren Nachthimmel hinauf und blieb unvermittelt stehen.

Atemlos sah sie eine hell aufleuchtende Sternschnuppe ihre Bahn ziehen und fast gleichzeitig fühlte sie, wie sich die Hand ihres Mannes warm und fest um ihre kalten Finger schloss.

Sie sah ihn an. Auch sein Blick war zum Himmel gerichtet, dann suchte er ihre Augen und nickte ihr nur liebevoll zu. Gemeinsam wandten sie den Blick wieder hinauf, bis das Sternenlicht erloschen war. Seine Hand aber blieb, wo sie war und Frederike entzog sie ihm nicht.

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