23.12.2017

 

Warten

 

Nervös schaute er auf seine Armbanduhr.

Mit beiden Füssen stampfte er abwechselnd auf den leicht angefrorenen Schneematsch, um seine schmerzhaft nagelnden Zehen irgendwie wieder warm zu bekommen. Innerlich fluchte er, dass er aus purer Eitelkeit auf seine warmen Winterstiefel verzichtet hatte, nur, um mit seinen eleganten Anzugschuhen vielleicht Eindruck schinden zu können. Es war einfach zu seiner zweiten Natur geworden, sich, ungeachtet der äußeren Umstände, stets elegant und souverän zu präsentieren.

Mit aller Macht versuchte er nun, ein höchst unmännliches Bibbern, wie er dies vor sich selbst so empfand, in der Kälte zu unterdrücken.

Er hätte sich doch eigentlich denken können, dass sie nicht pünktlich sein würde. Wann waren Frauen denn schon jemals pünktlich?

Seine Fingerspitzen fühlte er schon gar nicht mehr, so tiefgefroren schienen sie ihm mittlerweile zu sein. Seine feinen Lederhandschuhe waren eben, genauso wenig wie diese gottverdammten Schuhe, einfach nicht für solche kalten Wintertage gemacht.

Und zu allem Überfluss fing es jetzt auch noch an zu schneien. Dicke, schwere Schneeflocken setzten sich auf seinen sorgfältig gekämmten, glänzenden Haaren ab und sehnsüchtig dachte er an eine warme Mütze, die er sich bis über die roten Ohrläppchen hätte herunterziehen können. Vielleicht wäre es doch besser gewesen, sich in einem der beiden Cafés der Stadt zu verabreden.

Kaum war ihm dies in den Sinn gekommen, schüttelte er, unwillig über sich selbst, den Kopf. Als wäre das wirklich jemals eine Option gewesen. Viel zu gefährlich, in das Falsche zu gehen und dort dann noch gesehen zu werden.

Ein schadenfrohes Schmunzeln glitt bei diesem Gedanken über sein ungemein attraktives Gesicht und er verzog unwillkürlich den Mund, als er spürte, wie durch das Lächeln seine kalte Gesichtshaut schmerzhaft spannte.

Wieder warf er einen Blick auf seine Uhr und runzelte erneut unwillig die Stirn. Seltsam war das schon. Sie hatte doch in ihren zärtlich miteinander ausgetauschten Nachrichten stets so anziehend aufrichtig gewirkt. Es hatte ihn neugierig gemacht auf sie, so neugierig, dass er es jetzt tatsächlich kaum erwarten konnte, ihr endlich gegenüberzustehen, übrigens ganz im Gegensatz zu seinen sonstigen Netzbekanntschaften.

Und nun diese höchst erstaunliche Unpünktlichkeit, die so gar nicht zu ihr zu passen schien. Eigentlich war er sich sehr sicher gewesen, dass sie schon vor ihm da sein würde.  Er suchte sich die Damen immer sehr sorgfältig aus, täuschte sich bisher nie in seiner instinktiven Einschätzung.

Seine eigene erwartungsvolle Erregung war jedenfalls die letzten zehn Minuten sprichwörtlich eingefroren und wenn sie jetzt die nächsten fünf Minuten nicht kommen würde, dann sollte sie doch der Teufel holen. Obwohl? Diese hatte es ihm wirklich einfach über alle Maßen angetan. Sicher war sie es wert, weiterhin in der Kälte auszuharren. Jetzt war er schon so weit gegangen… Ärger würde es ihm ja auf jeden Fall schon einbringen. Egal.

Wieder stampfte er fest mit beiden Füssen auf und musste plötzlich wild mit den Armen rudern, um nicht rücklings auf dem hartgefrorenen Boden aufzuschlagen. Die Sohlen seiner teuren Schuhe waren teuflisch glatt und dieser rutschige Untergrund hier nicht ungefährlich.

Er ließ seine Augen umherschweifen, bis sie an dem künstlich angelegten See hängenblieben, der, nur wenige Meter von ihm entfernt, still und weiß vor ihm lag. Eine glitzernde, raue Eisschicht überzog die Wasseroberfläche. Trotz der eisig kalten Nächte schien sie aber immer noch erstaunlich dünn zu sein. Vorsichtig näherte er sich dem See, neugierig, ob ihn der erste Anschein vielleicht ja doch nur trog.

Bemüht, sein Gleichgewicht dabei nur ja nicht zu verlieren, schlidderte er mehr, als dass er ging, den leicht abschüssigen Uferrand hinunter und beugte sich ein wenig vor, um mit einem Astknüppel, den er vom Wegesrand aufgehoben hatte, die Belastbarkeit des Eises zu überprüfen.

 

Gerade eben hatte er noch den kurzen, aber heftigen Stoß an seinem Rücken gespürt, als er sich auch schon auf der Eisplatte wiederfand, die unter seinem Gewicht unheilvoll knackend nachgab und er, mitsamt seinem Prügel, unterging.

Ihm blieb nicht einmal mehr die Zeit, sich noch darüber zu wundern, da war von ihm schon nichts mehr zu sehen. Nur ein kleines Loch in dem zauberhaften, unberührten Weiß des still daliegenden Sees blieb zurück.

 

Die Frau, die, wie aus dem Nichts, hinter ihm aufgetaucht war und nun, in eine dicke Felljacke eingemummelt, einfach nur ruhig am Ufer dastand, lächelte still und zufrieden in sich hinein.

Es war vollbracht! Endlich.

Nach Wochen intensivster Suche im sozialen Netzwerk und tagelangen Vorbereitungen war sie am Ziel. Die Polizei hatte ihr ja nicht glauben wollen, dass Katja ermordet worden war. Ein Suizid, ein nicht aufzuhaltendes Unglück wäre es gewesen, aber sie hatte es besser gewusst.

Sie hatte das stumme Versprechen, das sie ihrer Schwester an deren Grab gegeben hatte, endlich, endlich erfüllt und ihren Mörder zur Rechenschaft gezogen.

 

In einem der beiden Cafes saß indessen ein eher unscheinbarer Mann, der ungeduldig auf irgendjemanden oder irgendetwas zu warten schien.

Minütlich wurde sein Gesichtsausdruck ärgerlicher und auch fragender. Da hatte ihm sein Kumpel doch fest versprochen, ihm den vereinbarten Treffpunkt rechtzeitig mitzuteilen und bisher hatte das ja auch immer vorzüglich geklappt.

Sein Freund kochte zuvor die Frauen weich, niemand verstand das besser als dieser Süßholzraspler. Danach überließ der ihm stets bereitwillig die aufgebrachte Beute, ein Freundschaftsdienst für seinen, bei Frauen so bemitleidenswert erfolglosen Kumpan, ohne jedoch auch nur zu ahnen, was danach mit den Frauen zu passieren pflegte.

Aber dieses Mal schien irgendetwas nicht geklappt zu haben. Eine andere Erklärung hatte er nicht und auf den Gedanken, dass sein Freund, nur dieses eine Mal, die Frau für sich selbst hatte haben wollen, wäre er nie gekommen.

 

Er zog das Handy hervor, wählte die Nummer seines besten Freundes, aber nichts tat sich. Tagelang versuchte er es immer wieder.

Seltsam, sein Freund schien spurlos verschwunden zu sein.

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