20.12.2017

Thaddäus

 

Sonja Bergisch lag reglos, völlig verzweifelt und tränenblind, zu Hause auf ihrem Bett und starrte, in stummer Zwiesprache gefangen, schon seit einer wahren Ewigkeit ständig auf ein Foto, das sie zwischen ihren bebenden Fingern hielt.

Das Bild zeigte ihren geliebten Mann, den sie erst am Vortag zu Grabe hatte tragen müssen, nachdem ihn der Tod von seinem schweren Krebsleiden endlich gnädig erlöst hatte. Nachdem sie sich, innerlich erstarrt, nach dem Begräbnis vom Friedhof ganz allein entfernt hatte, war es in ihr seitdem totenstill geworden, war sie unfähig noch zu denken, zu fühlen oder gar irgendetwas anderes zu tun, als hier zu liegen. Sie verspürte keinen Hunger, keinen Durst und die einzigen Momente, in denen sie das Bett verließ, waren die Augenblicke, die sie zum Toilettengang nötigten.

Alle Versuche ihrer beunruhigten Freunde, sie aufzusuchen oder wenigstens telefonisch mit ihr in Kontakt zu treten, hatte sie ungerührt ignoriert und war einfach liegengeblieben.

Die lähmende Leere, die sie mit eisernen Klauen gepackt hielt, hatte die Trauer und die große Wut der letzten gemeinsamen Wochen und Monate abgelöst, diesen hilflosen Zorn auf ihn, weil er sie ganz allein zurücklassen wollte, einfach aufgehört hatte, um das eigene Leben und auch für sie zu kämpfen.

Geblieben war nurmehr eine große Stille in ihr und das Gefühl völliger Sinnlosigkeit.

 

Plötzlich schien es ihr, als bewegten sich die Lippen ihres Mannes auf dem Foto, als versuche er, ihr mühsam etwas zu sagen.

Sonja hielt sich das Bild ganz nahe ans Gesicht, schaute und lauschte angestrengt. Da…! Ganz deutlich konnte sie seine abgehackten Worte vernehmen.

„Dein Beschützer… in… großer Not und… Trost… braucht jetzt… deine… Hilfe.“

Wie ferngesteuert erhob sich Sonja plötzlich und verließ die Wohnung, als gehorche sie irgendeinem inneren Befehl. Das Foto hatte sie auf das Kissen fallen lassen.

 

Scheinbar zielstrebig ging sie draußen die Straße entlang, ohne jedoch im Mindesten zu wissen, wohin sie denn nun eigentlich wollte, als sie plötzlich ein leises Maunzen hörte.

Suchend sah sie sich um und konnte doch nichts entdecken. Wieder drang ein zartes Miauen an ihr Ohr und dieses Mal glaubte sie zu hören, aus welcher Richtung dieses helle, feine Stimmchen kam. Es schien fast, als ertöne es aus einer der großen Mülltonnen, die hier, direkt vor ihr, bereitstanden und auf ihre baldige Entleerung warteten. Tatsächlich befand sich das laut rumpelnde Müllfahrzeug nur noch wenige Meter von ihr entfernt.

Sonja öffnete den Deckel der ersten Tonne und sah sogleich ein winziges Kätzchen darin kauern. Inmitten von stinkendem Unrat hockte es da unten, mit vor Angst gesträubtem Fell und zurückgelegten Ohren, nichtsdestotrotz schauten ihr zwei keck funkelnde und auch erstaunlich selbstbewusst dreinblickende Augen entgegen. Erschrocken und mitleidig hielt ihm Sonja sofort ihre Hände hin.

„Ja, wer bist du denn? Wer, um Himmelswillen, hat dich denn da hineingesteckt? Komm her, mein Kleiner.“

Der kleine Kater schien zu überlegen, ganz so, als hätte er eine Wahl und Sonja musste unwillkürlich lächeln, als sie verstand, dass der kleine Kerl doch tatsächlich unentschlossen war, ob er ihre Hilfe nun annehmen wollte oder nicht.

Die großen, feucht glänzenden Augen des winzigen Kätzchens fixierten Sonjas Gesicht, dann hatte es sich augenscheinlich entschieden, hob endlich leicht seine weiche Pfote und stupste damit vorsichtig gegen ihre Finger.

Sonja nahm den Kleinen behutsam hoch und streichelte mit ihrem Zeigefinger zärtlich über sein samtweiches, schwarzes Fell.

„Ich werde dich Thaddäus nennen, mein Kleiner. Der Tapfere, der Schutzpatron aller Verzweifelten, der mutige Kämpfer vorm Herrn. Der Name passt zu dir.“

 

Mit dem Katzenbaby, das sich inzwischen völlig erschöpft und vertrauensvoll in ihre Arme gekuschelt hatte, kehrte Sonja um und ging, zum ersten Mal ein ganz klein wenig getröstet, wieder heim, dankbar für diesen letzten, großen Liebesbeweis ihres Mannes, den er ihr hatte zukommen lassen und für diese neue Aufgabe, für die es sich doch irgendwie lohnte, wieder aufzustehen.

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