2.12.2017

 

Der eine Schritt

 

Bunte, lustig tanzende Luftballons, fröhlich und unbeschwert, flirrendes Licht, ansteckende Leichtigkeit und dichtes Gewusel von Jung und Alt um mich herum, süßer Himbeerduft und der Geruch gebrannter Mandeln in der Sommerluft, den mir der leise Wind entgegentrug, lautes Lachen und Musik  überall… So hat sich jener Augenblick unserer allerersten Begegnung in meine Seele eingebrannt.

Als sich unsere Blicke damals aus großer Entfernung zufällig fanden, traf es mich mitten ins Herz.

Und hier, jetzt in diesem Moment, steigt unversehens dieses farbenfrohe Bild von einst wieder in mir auf und erfüllt mich erneut ganz und gar, wärmt mich in dieser klirrenden Kälte. Dieser warme Sommerabend betörte damals all meine Sinne und dein Anblick löste in mir sofort ein betörendes Gefühl von Verheißung und unfassbarer Seligkeit aus.

Wie von einem Magneten unerbittlich gezogen, strebten wir beide aufeinander zu und fanden doch nicht zusammen.

Diese vielen Menschen auf dem Kirmesplatz, wie schwere Regentropfen in eine riesige, dunkle Wolke dicht an dicht aneinandergedrängt, versperrten uns immer wieder unsere Wege und, zu allem Unglück, auch jede Sicht aufeinander. Irgendwann gab ich an jenem Tag entmutigt auf, habe es seither fast jede Minute in all der Zeit bereut, dich in diesem undurchdringlichen Pulk der Menschen und der unaufhaltsam hereinbrechenden Dunkelheit nicht doch noch weiter gesucht zu haben, es aus verächtlichem Kleinmut hingenommen zu haben, dass ich dich damals einfach wieder aus den Augen verlor und mich meiner Resignation nicht mit aller Kraft entgegengestemmt habe.

Und jetzt stehe ich hier auf einmal so unvermutet vor dir und soll dich gleich schon wieder verloren haben, kaum, dass ich dich erblickte?

Ich strecke dir meine zitternde Hand entgegen, wage nicht zu atmen vor panischer Furcht, du könntest vor mir in die Tiefe stürzen, wenn sich deine zarten Finger vom Brückenpfeiler lösen. Wage nicht zu sprechen, vor Angst, du könntest dich vielleicht vor mir erschrecken und dann diese eine falsche, vernichtende Bewegung machen.

Nur ein einziger, winziger Schritt von dir, aber er entscheidet über fröhlich tanzende Luftballons und ihre schwebende Leichtigkeit in unserem Leben.

Dieses Mal trennen uns nicht mehr die vielen Menschen, sondern nur noch dieser eine, schrecklich endgültige Abgrund. Aber dieses Mal werde ich dir folgen, wie auch immer du dich entscheiden wirst, wohin auch immer du gehen magst.

Plötzlich drehst du den Kopf, als spürtest du mit einem Mal meine stille, atemlose Gegenwart und wie von einem Magneten gezogen, machst du jenen einen Schritt…

 

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