18.12.2017

 

Hochzeitstag

 

Er hatte seiner Frau stumm gegenübergesessen, die ihn ihrerseits genauso schweigend, aber umso erwartungsvoller angesehen hatte.

Ihn trennte nur dieser alte, hässliche Holztisch von ihr, an dessen Verbleib im Esszimmer sie nun schon seit Jahrzehnten festhielt, wie eben auch an dem Leben mit ihm. Eine alte Gewohnheit nur, die ihm jedoch mehr und mehr zur eisernen Fußfessel geworden war, die er versäumt hatte, abzustreifen, als es ihm noch möglich gewesen wäre.

„Und?“

Was so viele Jahre des unerträglich langweiligen und lieblosen Zusammenlebens nicht zustande gebracht hatten, dieses eine kurze, unsägliche Wort in genau diesem einen Moment, dieser fordernde und dabei vorwurfsvoll leidende Tonfall, in dem sie es ihm entgegenschleuderte, hatte seinen tiefsten Wunsch nach Vergeltung ganz plötzlich zu einem sehr konkreten und unumstößlichen Plan werden lassen.

Auch die vierundzwanzig rosaroten Adventspäckchen, die sie sich mit aufopferungsvoller Miene die Mühe gemacht hatte, ihm auf einen Teller als Geschenk zu präsentieren, hatten es nicht mehr vermocht, daran noch einmal etwas zu ändern.

„Unser Hochzeitstag ist erst morgen. Lass dich einfach mal überraschen.“

Er hatte in sich hineingrinsen müssen, als ihr Gesichtsausdruck bei seinen Worten noch erwartungsvoller und noch fordernder geworden war.

 

Am nächsten Abend führte er seine Frau an einen erstaunlich liebevoll gedeckten Holztisch, der sich unter der unvermuteten Pracht seiner Dekoration beinahe demutsvoll beugte und sich zu einem wahrhaft unvermuteten Blickfang gemausert hatte. Überrascht starrte sie auf das edle, weiße Porzellan, welches sie seit ihrer Eheschließung nicht mehr hatte benutzen wollen, um es zu schonen, wie sie sich ausdrückte. Er hatte sie nie gefragt, wofür sie es um Himmelswillen eigentlich aufbewahren wollte, denn nicht einmal Kinder hatten den Weg in ihrer beider tristes Leben gefunden, wohl lieber gar nicht erst finden wollen.

Noch bevor sie jedoch ihrem ärgerlichen Missfallen über seine unentschuldbare Eigenmächtigkeit hätte lautstark Ausdruck geben können, drückte er sie auf ihren Platz hinunter und eilte hurtig in die Küche.

Mit einer dampfenden Terrine zwischen den Händen kam er zu ihr zurück und stellte sie in die Tischmitte. Sie schluckte den Vorwurf just in dem Moment hinunter, als er in ihren Teller ein winziges Päckchen hineinlegte, in goldenes Glanzpapier eingewickelt, geadelt durch eine Spitzenschleife.

Aufgeregt und freudig riss sie das Geschenkpapier achtlos auf und öffnete die kleine Schachtel. Schlichte Perlenohrringe ruhten auf rot-samtenen Polster und ihr Gesicht nahm erst einen ungläubigen und dann bitter enttäuschten Ausdruck an, den sie sich gar nicht die Mühe machte, vor ihm zu verbergen. Verstohlen grinste er in sich hinein.

Perlen hatte seine Frau noch nie ausstehen können, sie konnte sich ja noch nicht einmal dazu überwinden, sie auch nur anzufassen, so sehr ekelte es sie davor und sie wusste, dass er es wusste. Allein dieses Gesicht, das sie nun bei diesem Anblick machte, war ihm das viele Geld schon wert gewesen. Genauso hatte er es sich ausgemalt, dass ihr Gesicht förmlich in sich zerbröckelte bei diesem Geschenk.

Seit gestern, als er nach ihrem Wortwechsel noch geschwind ins nächstbeste Kaufhaus geeilt war, um dann dort in der Schmuckabteilung zuzuschlagen, hatte er sich ihren bösen,  griesgrämigen Gesichtsausdruck genau so vorgestellt.

Stolz hielt sie den Kopf jedoch ganz gerade und ihre Stimme nahm einen gehässigen, ja schon triumphierenden Tonfall an.„Ich habe auch etwas für dich. Hier.“

Sie reichte ihm ihr Geschenk, wobei ihm bereits die Form verriet, was sich unter dem Silberpapier verbarg. Wie erwartet zog er eine Flasche Rotwein daraus hervor und ein spöttisches Lächeln huschte über ihren verkniffenen Mund, als sie seine grimmig verzogenen Lippen betrachtete. Weder mochte er Wein, noch vertrug er ihn, wie schließlich jeder wusste. Und insbesondere dieser Rote hier bescherte ihm stets zuverlässig bohrende Magenkrämpfe.

Betont gelassen stellte er die Flasche schweigend beiseite und füllte zuerst ihren und dann seinen Teller.

„Entschuldige, ich habe das Brot vergessen. Ich hole es schnell. Lass bitte dein Essen nicht kalt werden.“

Seine Frau beugte sich über ihren Teller und begann zu essen, während er bereits in die Küche zurückhastete und das Brot aufzuschneiden begann. Er ließ sich dabei viel Zeit, ihm so kostbare Zeit.

Als er zurückkam, hing seine Frau auf dem Stuhl und rang verzweifelt nach Luft. Ungerührt sah er ihr zu, wie sie langsam, ja fast zeitlupenartig, von ihrem Stuhl kippte.

Nach fünf Minuten tastete er vorsichtig nach dem Puls ihrer Halsschlagader. Nichts. Er spürte absolut nichts. Ihre weit aufgerissenen, starren Augen zeigten noch immer seltsam verblüfftes Unverständnis.

Langsam stand er auf und rief den Notarzt. Als dieser eintraf, konnte er aber leider schon nichts mehr für seine Frau tun. Seine Frau hatte infolge eines schweren, anaphylaktischen Schocks einen Kreislaufzusammenbruch erlitten und war an einem, sich direkt daran anschließenden Multiorganversagen verstorben. Eine sehr seltene und leider extrem allergische Reaktion.

Er war untröstlich und konnte es sich nicht erklären. Ja, seine Frau hätte eine schwere Nussallergie gehabt, aber nun, sie hätten doch nichts in dieser Richtung gegessen.

Der Arzt ließ sich die Zutaten und Gewürze zeigen, mit denen das Gericht zubereitet worden war und entdeckte zwischen den Dosen und Tütchen ein Aromafläschchen, auf dessen Etikett in winziger Schrift und daher auch nur sehr schwer erkennbar auf den möglichen Gehalt geringer Spuren von Erdnüssen hingewiesen wurde. Kaum leserlich, so dass nun wirklich niemandem ein Vorwurf gemacht werden konnte, umso weniger, als die Frau alles ja, wie immer, selbst eingekauft und auch gekocht hätte, wie ihm der bedauernswerte Ehemann stockend versicherte. Es war einfach nur ein ganz schreckliches Unglück. Kaum zu fassen, dass eine solch geringe Menge eine derartige Reaktion hatte hervorrufen können, aber nun, es bestand tatsächlich keinerlei Zweifel.

 

Nachdem der Pfarrer, der sofort zu seinem seelischen Beistand herbeigeeilt kam, endlich wieder gegangen war, saß er, spät in der Nacht, alleine am Holztisch und verspeiste sein eigenes, längst kalt gewordenes Mahl, welches er für sich und seine Frau anlässlich ihres vierzigsten Hochzeitstages liebevoll und auch sorgsam zubereitet und so lange mit einer großen Packung Erdnussbutter kräftig verfeinert hatte, bis davon nichts mehr übriggeblieben war.

Zufrieden strich er sich danach über sein kleines Bäuchlein und öffnete das erste der vierundzwanzig Adventspäckchen, um angenehm überrascht festzustellen, dass seine Frau ihm doch tatsächlich und vor allem so unerwartet seine Lieblingspralinen geschenkt hatte.

Genussvoll stopfte er sich die Praline in den Mund und ließ die Schokolade wie immer erst auf der Zunge zergehen, bevor er dann in die wundervoll fruchtige Erdbeercreme hineinbiss und ihr herrlicher Geschmack im Gaumen explodierte.

Der letzte, flüchtige Gedanke an seine Frau war beinahe schon schuldbewusst, während er diese Köstlichkeit schmeckte und alle vierundzwanzig Pralinen gierig auf einmal verschlang, Advent hin, Advent her.

Das leichte Mandelaroma bemerkte er nicht.

 

Es dauerte eine Woche, bevor sein Nachbar, der nach Tagen begonnen hatte, sich doch Sorgen um ihn zu machen und sich deshalb mit seinem Zweitschlüssel Zugang zur Wohnung verschafft hatte, ihn leblos, in einem kleinen Schwall von Erbrochenem liegend, auffand.

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