17.12.2017

 Morgen

 

Der Schnee knirschte hart unter dem groben Sohlenprofil ihrer fellbesetzten Winterstiefel. Ihr weich samtenes Gesicht, rosig gefärbt durch die schneidend kalte Winterluft, zeigte einen melancholischen Ausdruck, jedoch verriet ihre gleichzeitig merkwürdig starre Miene keineswegs, ob diese fast leblos anmutenden Gesichtszüge nun der eisigen Kälte geschuldet waren oder sie doch eher nur ihre innere Stimmungslage widerspiegelten.

Die Wollmütze hatte sie sich über ihre Haare tief ins Gesicht hineingezogen, nur die goldblond schimmernden Haarenden spitzten noch leicht hervor. Den Kragen ihres knielangen Winterparkas hatte sie bis zum Kinn hochgeklappt und ihre ganze Erscheinung machte einen derart verfrorenen Eindruck, dass man sich unwillkürlich verwundern mochte, weshalb ihr Schritt dennoch so zögernd und dabei auch seltsam ziellos anmutete.

„Morgen mach ich es, ganz sicher, bestimmt, gleich morgen früh“, schoss es ihr unvermittelt durch den Kopf, als sie an der roten Fußgängerampel gehorsam stehenblieb und geduldig darauf wartete, bis das Signallicht vor ihr auf grün umspringen würde.

Mit diesem blitzartigen Gedanken kehrte plötzlich wieder ein wenig Leben in ihr Antlitz zurück und beinahe geriet es schon zu einem vorsichtigen Lächeln, was da um ihre mittlerweile bläulich verfärbten Lippen huschte, während sie immer noch bewegungslos dastand und wartete, wie sie es ihr ganzes Leben schon immer getan hatte. Kostbare, verlorene Zeit, die über dem endlosen Warten verstrichen war, bis sie irgendwann ganz vergessen hatte, worauf sie eigentlich immer gewartet hatte. Morgen…

Dieses Wort ging mit einem verträumten, verlorenen Zauber einher, der sie von innen heraus langsam, aber unaufhörlich zu wärmen begann. Gerade eben noch war ihr ja nicht nur körperlich eiskalt zumute gewesen, jetzt aber straffte sich mit einem Mal ihre zierliche Gestalt, die vorher unter dem Gewicht der schweren Winterjacke in sich zusammengesunken zu sein schien.

Morgen…

Ein Wort, welches plötzlich selige Hoffnung verkörperte, sich mit einem Mal ein erstes, greifbares Ziel auf ihrem bisher so verzweifelten Irrweg voller Eintönigkeit und Sinnlosigkeit, des ständigen vor sich Herschiebens, abzuzeichnen begann, ein, sie vorsichtig ausfüllender, tiefer Wunsch sich in ihr auszubreiten anschickte, ja und… Kraft. Ein Gefühl, das sie vor sehr, sehr langer Zeit verloren und seither nie mehr wiedergefunden hatte.

Morgen…

Ein Plan für die ersten Schritte ins Glück, welches auf sie nun hoffentlich wartete und dem sie endlich, endlich vertrauensvoll und mutig entgegeneilen wollte.

Sie konnte dieses  verheißungsvolle Versprechen inzwischen bereits mit jeder Faser ihres Körpers fühlen, wie es sich in ihr prickelnd auszudehnen begann und ihr die, vor unendlich langer Zeit so unmerklich verlorengegangene Entschlossenheit wieder zurückzubringen schien.

Mit dem Morgen würde das unheilvolle, zermürbende Warten endlich überwunden, nur noch bis morgen darin verharren, bis dann endlich alles anders werden würde, bis sie den Wartesaal im Bahnhof ihres Lebens endlich verlassen würde.

 

Ihre Körperhaltung wurde entschiedener und das Knirschen des gefrorenen Schnees unter ihren Schuhsohlen, als sie ihre Füße leicht bewegte, stimmte sie auf einmal so weihnachtlich, so unendlich erwartungsfroh, ja, irgendwie zuversichtlich.

Die ersten zarten Schneeflocken rieselten im Halbdunkel des allmählich verschwindenden Tages herab und setzten sich auf ihren Lidern und Wangen ab, bevor sie, in einem flüchtigen Augenblick nur, auf ihrer warmen Haut zu Freudentränen zerschmolzen und ihr den Blick verschleierten, während sie sich anschickte, bei Grün endlich die Straße zu überqueren. Viel zu lange hatte sie immer nur gewartet und gewartet, von Stunde zu Stunde, Monat für Monat, Jahr um Jahr. Aber nun nicht mehr.

Schon stockte ihr Fuß, schwebte ungewiss in der Luft, bereit die Richtung zu wechseln. Ob sie nicht doch sofort, jetzt auf der Stelle, umkehren sollte? Genügend Geld hätte sie für eine Fahrkarte und mehr brauchte sie doch eigentlich nicht… Warum schon wieder warten?

Nein, gleich morgen, sofort, wenn der Tag sich anschickte, die Nachtmahre zu verjagen, würde sie… Heute war es dafür ja doch schon zu spät. Was bedeutete im Lichte dieses Vorsatzes, ihr Leben endlich zu ändern, schon eine weitere, kurze Nacht eines allerletzten Aufschubs? Was machte es denn schon für einen Sinn, so überstürzt gleich jetzt davonzulaufen, ohne jedes Gepäck und ohne einen konkreten Plan?

Morgen…

Es war ihr letzter Gedanke, als das Auto sie erfasste, sie hoch in die Luft schleuderte.

 

Den harten Aufprall spürte sie schon längst nicht mehr, als sie mit brechenden Augen und einem, noch immer glücklich lächelnden Mund wieder auf der, wie mit feinstem Puderzucker bestäubten, schneebedeckten Straße aufschlug und in der abendlichen Dunkelheit ihren letzten Atemzug aushauchte.

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