14.12.2017

 

 

 Mörderische Gedanken

 

„Weißt du eigentlich, was Schönsein heißt? Du, zum Beispiel, warst schön, also früher. Ich war ja immer ganz nah bei dir. Da warst du immer so schön. Aber jetzt? Jetzt bist du nicht mehr schön. Also so von innen heraus. Verstehst du, was ich meine? Nein, du verstehst es natürlich nicht. Das habe ich erwartet. Nein, nein, ich brauche dir den Knebel nicht zu entfernen, mir genügt es, wenn du deinen Kopf bewegst. Das wirst du ja wenigstens können.

Ich erkläre dir, was Schönsein wirklich bedeutet, dann wirst du auch verstehen, warum du jetzt hier bist. Du willst doch wissen, warum du hier bist, so hilflos hier vor mir, oder? Natürlich willst du es wissen, weil du es einfach nicht kapierst. Du verstehst nichts und deshalb bist du auch nicht mehr schön. Oder… vielleicht ist es ja auch anders herum? Ja, das könnte es sein. Du hast mit deiner Schönheit auch deinen Geist für mich verloren. Menschen ohne Geist haben kein Existenzrecht mehr, weil sie dann ihre Seele und damit auch ihren Sinn verloren haben. Sie sind nur noch hässlicher Unrat, in den man ständig tritt, ohne es zu wollen und ohne es verhindern zu können. Ich bin also nur eine Art notwendiger Müllmann. Das wenigstens verstehst du doch, oder? Wie würden wir denn leben, wenn wir keine Müllmänner hätten, die den stinkenden Schmutz und Abfall beseitigen?…

Soll dein Nicken bedeuten, dass du mir da recht gibst?… Aha, wir scheinen uns doch langsam aufeinander zuzubewegen. Verstehst du denn, warum du zu diesem Schmutz gehörst?… Nein? Siehst du, das macht mich traurig. Du hast es immer noch nicht kapiert. Ich erkläre dir, was Schönheit ist und dann wirst du auch wissen, warum du sterben musst. Und dieses Mal wirst du mir endlich zuhören, zuhören müssen. Dieses eine Mal wirst du endlich das tun, was ich will.

 

Ein Mensch ist nur schön, wenn er Anmut, Wahrheit und Würde besitzt. Gut, die Anmut besitzt du noch, aber deine Würde nicht mehr und Wahrheit? Wahrheit ist Erkenntnis und du hast nichts begriffen von alledem was war, wer und wie du dein ganzes Leben immer warst. Aber ich, ich habe es jetzt endlich erkannt. Schönheit ist der Glanz der Wahrheit und du bist die Lüge, fleischgewordene Verlogenheit.

Warum schüttelst du jetzt den Kopf? Du siehst das nicht so? Kennst du das Bildnis des Baumes, der faule Frucht trägt? Es gibt keinen guten Baum, der faule Frucht trägt und es kann auch keine Schönheit geben, die Hässlichkeit hervorbringt. Will man keine faulen Früchte, so muss, hörst du?… muss der ganze Baum gefällt werden. Nur ein wahrhaft schöner Mensch bringt die Schönheit ausnahmslos hervor und wird er selbst mit einem Mal hässlich, so war er auch immer schon von Anbeginn an hässlich und muss vernichtet werden, wie der schlechte Baum gefällt wird.

Deine betörende Schönheit hat mich lange in die Irre geführt, zu lange. Ich habe die Hässlichkeit dahinter nicht erkannt, du hast mich belogen, hast mich hintergangen und benutzt, mich meiner selbst entfremdet. Deshalb bist du jetzt auch hier. Die Lügenfratze hat sich hinter deiner Maske eines schönen Gesichts verborgen und mit der verlorenen Unschuld hast du gezeigt, dass du keine Würde besitzt, ja, sie zuvor schon niemals hattest. Doch, doch. Auch deine Tränen können dir nicht deine, in Wahrheit doch nie vorhandene und mich mein Leben lang nur peinigende Unschuld, mir nicht die Schönheit zurückgeben.

Du hast mich mit deiner besitzergreifenden Anmut verführt und ich habe von der faulen Frucht gegessen, mich von dir fürs Leben vergiften lassen. Du hast mich meiner Seele beraubt, mich ganz und gar besessen, mir mein ganzes Leben lang mein eigenes Ich verwehrt, mir jede Luft zum eigenen Atmen genommen. Ich war immer nur dein leibeigener Besitz, dein demütiges Hündchen, dein Spielzeug, welches nur darauf zu warten hatte, bis du Lust auf es hattest.

Ich kann meine eigene Schönheit, meine Freiheit erst finden, wenn die faule Frucht nicht mehr da ist… du nicht mehr da bist. Eine einzige faule Frucht steckt die guten Früchte an…

 

Ja, jetzt hast du mich endlich verstanden. Ich kann es in deinen Augen sehen. Das ist gut, Mutter. Besser, du schließt sie jetzt. Es ist nun an der Zeit.“

 

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