13.12.2017

 

 

 Wiedersehen

 

„Viktoria? Bist du jetzt endlich fertig?“

Das kleine Mädchen hockte zusammengekauert auf dem Bett in seinem Kinderzimmer und hielt seinen zerschlissenen Teddy fest an die Brust gepresst, den ihr ihr Vater geschenkt hatte, kaum, dass sie das Licht der Welt erblickt hatte.

Trotz und Ablehnung waren deutlich auf ihrem tränenfeuchten Gesichtchen abzulesen und Vikkis Mutter blieb, ungeduldig und mit unverkennbar genervt gerunzelten Stirnfalten, im Türrahmen stehen, als sie ihre kleine Tochter so bockig dasitzen sah.

„Nun komm schon. Wir fahren doch nur schon mal vor. Papa kommt ja in ein paar Tagen nach. Er hat einfach noch im Kommissariat zu tun, das habe ich dir doch vorhin erklärt. Wir machen es uns dort erst einmal gemütlich und wenn dann dein Vater nachkommt, dann könnten wir ihm schon alles zeigen, was wir bis dahin so ausgekundschaftet haben. Was hältst du davon?“

Vorsichtig blinzelte Viktoria ihrer Mutter entgegen.

„Und Papa kommt wirklich ganz bald nach?“

„Versprochen. Hast du denn auch alles eingepackt, was du mitnehmen willst? Also, den Teddy lässt du aber da. Der übersteht die Reise doch gar nicht mehr, so wie der aussieht. Und in zwei Wochen sind wir ja ohnehin schon wieder hier.“ Viktorias Mutter zog sie vom Bett hoch, nahm den kleinen Koffer ihrer Tochter auf und schwer bepackt verließen die beiden die Wohnung.

Draußen wartete bereits das bestellte Taxi, welches sie zum Zwieseler Bahnhof brachte. Mit dem Zug fuhren sie, wobei sie leider einmal umsteigen mussten, nach München weiter. Vom Hauptbahnhof ging es weiter zum Flughafen, wo sie Stunden später dann endlich im Flugzeug saßen und nach nur zwei weiteren Stunden landeten sie völlig erschöpft und müde in Stockholm.

 

Währenddessen war Paul Anderlech vom Polizeirevier nach Hause zurückgekommen und fand die Wohnung zu seiner großen Überraschung leer und verlassen vor.

Auf dem Wohnzimmertisch lag ein Zettel, auf den seine Frau nur zwei Sätze lieblos hingeschmiert hatte.

„Viktoria und ich fangen woanders ein neues Leben an, ohne dich. Such uns also gar nicht erst.“

Paul stand völlig geschockt einfach nur da und musste sich an der Sessellehne festhalten, so schwindlig wurde ihm plötzlich. Das Blut rauschte in seinen Ohren und jede Farbe war ihm aus seinem Gesicht gewichen.

Auf einmal kam wieder Bewegung in ihn.

Er raste sofort zu Viktorias Zimmer und riss die Tür auf. Die Schranktüren standen weit offen und bis auf wenige Stücke, fehlte ihre gesamte Kleidung. Seine Augen irrten weiter durch den Raum, bis er an dem alten Teddybär hängenblieb, der bäuchlings auf dem Bett lag.

Wie in Trance ging er hinüber, hob ihn hoch und presste ihn an sich. Dann ließ er sich mit ihm auf das Bett sinken und die heißen Tränen, die in ihm aufstiegen, machten seinen verzweifelten Blick blind.

Sein geliebter Spatz, wo hatte seine Frau seine kleine Vikki nur hingebracht?

Nach Wochen tränenreichen Bittens und Nachfragens musste Viktoria von ihrer Mutter hören, dass ihr über alles geliebter Vater nicht mehr kommen würde, weil er sie beide nicht mehr in seinem Leben haben wollte. Selbst für seine kleine Tochter habe er keinen Platz mehr und er habe auch gar kein Interesse daran gehabt, mit seiner Kleinen zu sprechen. Sie habe ihn extra mehrmals danach gefragt, aber er wolle nichts mehr von Viktoria wissen, sei dessen klare Antwort gewesen, teilte die Mutter ihr mit, als die Kleine sie schluchzend fragte, ob ihr Papa sie denn gar nicht mehr liebhabe.

Von den verzweifelten Versuchen ihres Vaters, mit ihr zu sprechen und sie wieder in seine Arme schließen zu dürfen, nachdem er ihre Bleibe irgendwann endlich aufgespürt hatte, ahnte die Kleine nichts.

 

Viktoria verstummte von diesem Tag an und erwähnte ihren Vater kein einziges Mal mehr, bis sie, zwölf Jahre später, glaubte, ihren Ohren nicht trauen zu dürfen, als sie am Telefon auf einmal die vertraute Stimme ihres Vaters völlig unerwartet vernahm, der aus dem finsteren Reich der Toten wieder zu ihr zurückgekehrt schien und ihr zu ihrem achtzehnten Geburtstag gratulieren wollte.

Misstrauisch und trotzig war Viktoria nach diesem Telefonat zu ihrem Vater nach Zwiesel gereist, wild entschlossen, ihm nicht ein einziges Wort zu glauben und ihn endlich für seine Lieblosigkeit abzustrafen, sich an ihm zu rächen. Ihn ihren bitteren Schmerz fühlen zu lassen und sich für seinen gemeinen Verrat die langersehnte Genugtuung zu verschaffen. Bis… ja, bis sie die Liebe in seiner Stimme hörte und ihr Zimmer wiedersah, aus dem ihr Vater ein ‚Museum‘ gemacht hatte, weil sich seit ihrem Verschwinden rein gar nichts darin verändert zu haben schien. Alles lag und stand offensichtlich noch ganz genauso herum, wie sie es in Erinnerung hatte, verstaubt und unberührt. Selbst ihr alter Teddy saß auf dem Bett, wie sie ihn verlassen hatte und schien zwölf Jahre lang sehnsüchtig und hoffnungsvoll hier auf sie gewartet zu haben.

 

Nach zwölf langen, sehr einsamen Jahren verspürte Viktoria dann zum allerersten Mal wieder ein vorsichtig weihnachtliches Gefühl, als sie, Monate nach diesem ersten Wiedersehen mit Paul, gemeinsam mit ihm im flackernden Kerzenschein des Weihnachtsbaumes sitzen durfte, den dieser glückselig besorgt und voller Liebe für sie geschmückt hatte.

Als sie ihr Weihnachtspäckchen öffnete, welches ihr ihr Vater verlegen in die Hand gedrückt hatte, blickte sie auf ein großes Fotoalbum. Sie schlug es hastig auf und… verhaltene Tränen schimmerten in ihren Augen.

Die vielen Seiten zwischen den einstigen Kinderbildern und all den neuen Aufnahmen, die Paul die ganzen letzten Wochen von ihr und ihnen beiden zusammen geknipst und die letzten Tage eingeklebt hatte, hatte er in den Jahren ihrer Trennung als Tagebuch benutzt, hatte darin seinen allgegenwärtigen Erinnerungen an eine ehemals glückliche Zeit Ausdruck gegeben und seinen großen Schmerz in all diesen Jahren, diese tiefe Sehnsucht, seine Tochter eines Tages doch wiedersehen zu dürfen, niedergeschrieben.

Gerührt blickte sie auf ein Gedicht, das er mit unsicherer Hand hingekritzelt hatte und dessen verschmierte Buchstaben von der ein oder anderen Träne zeugten, die er während des Schreibens vergossen hatte, welches ihr mehr als alles andere bewies, wie schmerzlich und unaufhörlich er sie die ganzen Jahre vermisst und wirklich niemals aufgehört hatte, an sie zu denken.

 

Für meinen kleinen Liebling, wo auch immer du jetzt bist

 

Und machst du deine Augen müde zu

Dass Herz und Seele ihre Ruh

Doch endlich finden mögen

 

Im Antlitz tiefer Frieden

Sei wahres Glück dir nur beschieden

In dieser Dunkelheit der Nacht

 

Was kümmert dich der Morgen

Mit all den neuen Sorgen

Versteckt doch nur im Tageslicht

 

Des Schlafes Glück mit selig Träumen

Darfst du niemals je versäumen

Im bunten Strauß verborgener Bilder

 

Wie schön die lange Reise ist

Du dein eigener Begleiter bist

Bevor der Morgen langsam wieder graut

 

Und frohgemut erwachst du dann

Hältst fest den Schlafes Zauberbann

Mit seiner herrlich Botschaft

 

Nur du und niemand anderer

Bist deines Lebens Wanderer

Bestimmst allein dein Weges Ziel

 

Und kommst du irgendwann ins Wanken

Lässt der Alltag dich verletzt erkranken

So schließ die Augen und hol dir deinen Traum zurück

 

Und dann, dann bin ich für dich da

weil ich dich immer und überall nur sah

und nehm dich glücklich in die Arme

 

Im Lichte sitz ich und kann doch warten nur

die Tage bitter, stets traurige Tortur

bis der Schlaf dich mir endlich wieder schenkt

 

In diesem Moment hatte Viktoria ihren Vater endlich wieder.

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