11.12.2017

 

Mimose

 

„Du hast mit ihr gesprochen?“

Hannes Gruber schaute seinen Kollegen Paul fragend an. Anderlech zog verwundert die Augenbrauen hoch, als er den forschenden Blick seines jungen Partners auf sich spürte.

„Ja, warum?“

Unwillkürlich zuckte Hannes zusammen, als er dessen knappe Antwort hörte. Paul dachte offensichtlich noch nicht einmal ansatzweise daran, ihm zu berichten, über was er sich mit ihrer beider Schöpferin unterhalten hatte. Hätte er die beiden nicht zufällig gesehen, wie sie eng beieinandergestanden waren, er wüsste noch nicht einmal, dass sie sich ausgetauscht hatten. Dabei konnte sein Kollege es sich doch denken, dass es auch ihn brennend interessierte.

„Habt ihr da vielleicht auch über mich geredet?“

Tapfer versuchte er, dabei leicht gelangweilt und entspannt zu wirken, obwohl es ihn am ganzen Körper vor Neugierde nur so kribbelte.

„Warum denn? Sollten wir? Es hat sich ja nur rein zufällig so ergeben, dass wir uns über den Weg gelaufen sind, als sie gerade mal eine Schreibpause eingelegt hatte.“

Hannes Gesicht wurde lang.

„Aha.“

Paul Anderlech beugte sich über die Vernehmungsprotokolle und schien wieder völlig darin vertieft zu sein, während Hannes spürte, wie ihn sofort ein nur zu vertrautes Gefühl heimsuchte. Diese quälende Empfindung, wieder einmal mehr überhaupt nicht beachtet zu werden.

Schon wollte er sich erneut beleidigt in sein Schneckenhaus zurückziehen, als ihm gerade noch rechtzeitig einfiel, in welche Zwickmühle ihn seine verschnupfte Gekränktheit vor gar nicht allzu langer Zeit geführt hatte.

Entschlossen reckte er sich und richtete sich breit und groß vor Paul auf.

„Und warum nicht? Ich meine, wollte sie denn gar nichts von mir wissen? So ganz unwichtig bin ich ja schließlich auch nicht, oder? Immerhin hat sie es mir aufgetragen, dich zu retten, oder nicht? Ohne mich gäbe es dich und deine Geschichten doch schon längst nicht mehr.“

Verdutzt starrte Paul ihn an.

Er rieb sich das Kinn und schwankte zwischen Belustigung und Nachdenklichkeit.

„Weißt du, Hannes, irgendwie bist du schon schnell eine beleidigte Leberwurst. Ständig fühlst du dich übergangen und ignoriert. Da kann ich doch nichts dafür. Das musst du schon mit dir selbst ausmachen. Sei mir nicht böse, aber das nervt langsam. Hier… der Stapel ist für dich. Vielleicht finden wir ja Ähnlichkeiten im Tatmuster. Dann kommst du wenigstens mal auf andere Gedanken. Also, mach dich nützlich, alte Mimose.“ Anderlech reichte ihm einige Unterlagen und vertiefte sich sofort wieder in seine Arbeit.

Hannes betrachtete ihn sekundenlang ungläubig, bevor er es ihm dann automatisch gleichtat.

Zuvor nahm er sich jedoch fest vor, schon bald in Erfahrung zu bringen, was die Schreibtante mit ihm noch so vorhatte und auch, warum sie ausgerechnet ihn überhaupt nach Zwiesel geschickt hatte. Falls… ja, falls sie das nämlich überhaupt selbst wusste. Ob sie denn wirklich irgendeinen Plan verfolgte oder einen solchen jemals gehabt hatte, woran er inzwischen längst so seine stillen Zweifel hatte.

Obwohl?…

Mit geschlossenen Augen lehnte Hannes sich in seinem Stuhl zurück und musste plötzlich an einen lange zurückliegenden Traum denken. Und daran, wie dieser seltsam aufwühlende Traum in ihm einen tiefen Wunsch geweckt hatte, sein Leben zu verändern, bevor es weiterhin derart ereignislos und erstarrt in immer gleicher Routine dahinplätscherte.

Und nur kurze Zeit später, hatte man ausgerechnet ihm dann seltsamerweise das Angebot für diese Stelle in Zwiesel unterbreitet, das er, ohne auch nur einen Augenblick zu zögern und völlig wider seine eher ängstliche, vorsichtig abwägende Natur, ganz spontan angenommen hatte, getrieben von einem merkwürdigen, inneren Zwang.

 

Er konnte sich nur nicht mehr genau daran erinnern, ob in jenem Traum auch diese Frau vorgekommen war. Irgendwie war ihm so, aber… Nun, es würde ihm schon noch einfallen, sicher.

Bitnami