10.12.2017

 

 

 

 

Dialog zwischen Autorin und ihrem Kommissar

 

„Was ich dich schon lange mal fragen wollte, warum hast du genau mich erschaffen? Ich meine, also… warum ausgerechnet mich?“

„Das ist eine gute Frage, Paul Anderlech. Warum dich? Vielleicht, weil du etwas hast, was ich mir selbst oft für mich wünsche? Du gehst einfach deinen Weg, tust, was du für richtig hältst, schaust nicht nach rechts und links und versuchst, dabei nicht ständig ängstlich in den Gesichtern zu lesen, ob es auch in Ordnung ist, wie du bist. Im Grunde deines Herzens ist es dir nämlich völlig egal, was andere von dir denken. Du liebst, was du tust, von ganzem Herzen und nur das allein ist für dich wichtig. Du bist beneidenswert klar in dir, so kompromisslos und gleichzeitig doch so liebenswert ehrlich und treu.“

Paul sieht mich forschend an und ich kann ihm ansehen, wie er krampfhaft versucht, mich zu verstehen. Ein kleiner Muskel zuckt in seinem Gesicht, als er wieder ansetzt.

„Ich habe es schon bemerkt, dass du mich magst. Aber hm, was ich nicht verstehe… Warum hast du mich dann Paul genannt? Du kannst diesen Namen doch gar nicht ausstehen, oder täusche ich mich da?“

Seine Frage hat mich auf dem falschen Fuß erwischt. Gott sei Dank hat er es nicht bemerkt. Auch deshalb habe ich ihn so geboren, dass er mich in meinem Innersten, in den versteckten Winkeln meiner Seele nicht erkennen, nicht aufspüren kann, obwohl ich doch in ihm lebe, dieses Wissen eigentlich ein Teil seiner selbst ist. Es schützt ihn und… ja, auch mich.

„Vielleicht genau deshalb? Einen Paul, wie du einer bist, hätte ich gerne kennengelernt. Je länger ich dich begleiten darf, desto versöhnter werde ich mit diesem Namen.“

Paul überlegt. Seine Stirn hat sich in tiefe Falten gelegt, wie immer eben, wenn er etwas wirklich verstehen will. Ich kann es ihm ansehen, wie er sich bemüht, den tieferen Sinn meiner Antwort zu begreifen. Ich kann auch erkennen, wie sehr es ihn anstrengt, weil es ihm dennoch, trotz all seines Bemühens, einfach nicht gelingen mag. Sekundenlang trennt uns dieses grüblerische Schweigen ein wenig voneinander.

Plötzlich hellt sich sein Gesicht wieder auf und seine gefurchte Stirn glättet sich zufrieden.

„Weißt du, was ich am schönsten an dir finde? Du magst mich einfach, ohne Wenn und Aber. Ich bin froh, dass du mich erschaffen hast, ohne mir vorzuschreiben, wie ich zu sein habe. Nur dass du es weißt… ich bleibe auch, wie ich bin. Also beklage dich nicht irgendwann, wenn ich dir plötzlich nicht mehr gefallen sollte.“

„Ich werde mich bemühen, Paul Anderlech. Aber nun, eigentlich habe ich diese Sorge nicht, denn du tust ja sowieso, was du willst. Dafür liebe ich dich und daran kann auch dein Name nichts ändern.“

„Dann ist es ja gut. Ach ja, eine Bitte hätte ich noch an dich… Könntest du vielleicht das, was du mir jetzt eben gesagt hast, mal den anderen auch ins Ohr flüstern? Ist ja manchmal schon ein wenig anstrengend mit ihnen.“

Kopfschüttelnd sehe ich ihn nur an, was er schweigend, nur mit einem leichten, sehr gottergebenen Schulterzucken, zur Kenntnis nimmt, bevor er meiner Antwort auch schon hastig zuvorkommt.

„Schon gut. Behalt’s einfach für dich, okay?“

 

Lächelnd klappe ich das Buch zu.

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